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Die Verwechslung
von "prä" und "trans"
Aus: Ken Wilber, Eros, Kosmos, Logos, S. 259ff Aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert unter Mitarbeit von Theo Kierdorf, Gisela Merz-Busch und Ursula Schumann. Fischer Taschenbuch 14974 © Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1996 Seit
ich angefangen habe, über den Unterschied von prärationalen
oder präpersonalen und transrationalen oder transpersonalen
Bewußtseinszuständen beziehungsweise ihre Verwechslung - ich
spreche hier von "Prä/trans-Verwechslung" nachzudenken,
wächst eine Überzeugung, daß es ganz entscheidend ist,
hier Klarheit zu
gewinnen, wenn wir die Natur höherer (tieferer) oder wahrhaft
spiritueller
Bewußtseinszustände verstehen wollen.
Gemeint ist mit "Prä/trans-Verwechslung" zunächst etwas ganz Einfaches: Da prärationale und transrationale Zustände beide auf ihre je eigene Weise nichtrational sind, können sie dem ungeschulten Auge als ähnlich, wenn nicht identisch erscheinen. Sind jedoch prä und trans erst einmal verwechselt oder gleichgesetzt, kommt es zu Denkfehlern zweierlei Typs: Durch einen Denkfehler der ersten Art werden alle höheren und transrationalen Zustände auf niedrigere und prärationale reduziert. Echte mystische oder kontemplative Erfahrungen beispielsweise werden als Regression zu infantilem Narzißmus, ozeanischem Adualismus, Indissoziation oder sogar als primitiver Autismus gedeutet. Diesen Weg nahm beispielsweise Freud in Die Zukunft einer Illusion. Solche reduktionistischen Darstellungen setzen die Rationalität als den großen endgültigen Omega-Punkt der individuellen und kollektiven Entwicklung, als Hochwassermarke aller Evolution. Tiefere, weitere oder höhere Kontexte gelten als nichtexistent. Also lebt man sein Leben entweder rational oder neurotisch (Freuds Neurosebegriff beschreibt im Grunde all das, was die Entstehung einer rationalen Sicht der Dinge behindert - was soweit ganz richtig ist, aber nicht weit genug reicht). Da es keine höheren Kontexte geben kann, müssen echte transrationale Zustände sofort als Regression zu prärationalen Strukturen erklärt werden. Das Überbewußte wird auf das Unterbewußte, das Transpersonale auf das Präpersonale reduziert, und das Emergieren von etwas Höherem muß als Einbruch des Niedrigeren gedeutet werden. Alle atmen erleichtert auf, und der rationale Welt-Raum bleibt ungeschoren (durch "die schwarze Schlammflut des Okkultismus", wie Freud es so bildkräftig ausdrückte). Ist man andererseits für höhere und mystische Zustände aufgeschlossen, verwechselt aber trotzdem prä und trans, dann wird man alles Prärationale zu transrationaler Glorie erheben oder elevieren wollen, indem man zum Beispiel den infantilen primären Narzißmus als unbewußtes Schlummern in der Unio mystica auffaßt. Jung und seine Nachfolger haben häufig diesen Weg beschritten und müssen tiefe Transpersonalität und Spiritualität in lediglich undissoziierte und undifferenzierte Zustände hineinlesen, denen jegliche Integration mangelt. Für den elevationistischen Standpunkt ist die transpersonale und transrationale mystische Vereinigung der letzte Omega-Punkt, und da die egoische Rationalität dazu neigt, diesen höheren Zustand zu leugnen, muß sie den Tiefpunkt menschlicher Möglichkeiten darstellen, eine Verderbtheit, die Ursache aller Sünde und Trennung und Entfremdung. Hat man die Rationalität aber erst zum Anti-Omega erklärt, wird man bald alles Nichtrationale als direkten Weg zu Gott verherrlichen, und alles - wie infantil, regressiv und prärational es auch sein mag - ist uns recht, wenn es nur die böse, skeptische Rationalität aus dem Feld schlägt. "Ich glaube, weil es absurd ist" - das ist der Schlachtruf der Elevationisten (und alle Romantik ist zutiefst davon geprägt). Freud war ein Reduktionist, Jung ein Elevationist - die beiden Seiten der Prä/trans-Verwechslung. Wir müssen hier sehen, daß sie beide zur Hälfte recht und zur Hälfte unrecht haben. Ein gut Teil der Neurose ist tatsächlich als prärationale Fixierung/Regression zu erklären; andererseits gibt es mystische Zustände wirklich, aber jenseits (und nicht diesseits oder unterhalb) der Rationalität - und solche Zustände dürfen nicht reduziert werden. Der größte Teil der jüngeren Moderne, zumindest seit Feuerbach, Marx und ganz gewiß seit Freud, war von der reduktionistischen Haltung gegenüber dem Spirituellen beherrscht: Alles spirituelle Erleben mußte als Regression gedeutet werden. Und es scheint eine Art Überreaktion zu sein, daß jetzt, spätestens seit den sechziger Jahren, allerlei Formen des Elevationismus um sich greifen (als Beispiel, aber keineswegs als einziges, mag die New-Age-Bewegung gelten). Alle möglichen Bestrebungen, auch solche von höchst zweifelhafter Herkunft und Authentizität, werden als transrational ausgegeben und mit Heiligenschein versehen, wenn sie nur nichtrational sind. Alles Rationale ist falsch; alles Nichtrationale ist spirituell. Der GEIST ist nichtrational, aber eben trans und nicht prä. Er regrediert nicht und schließt die Vernunft aus, sondern er transzendiert sie, schließt sie dabei jedoch ein. Die Vernunft hat wie jede andere Stufe der Evolution ihre ganz eigenen und manchmal verheerenden Beschränkungen, die zu Repression und Entstellung führen können. Aber die inneren Probleme jeder Entwicklungsebene werden, wie wir gesehen haben, erst auf der nächsten gelöst oder "entschärft" - und nicht dadurch, daß man auf frühere Ebenen regrediert, wo das Problem allenfalls ignoriert werden kann. Die Größe und die Schrecken der Vernunft: Sie erschließt gewaltige neue Möglichkeiten und Lösungen, schleppt jedoch zugleich ihre eigenen spezifischen Probleme ein, die nur durch ein Transzendieren zu lösen sind, durch den Sprung auf eine höhere, transrationale Ebene. Viele der nichtrationalen Ansätze sind, leider, elevationistisch und daher nicht jenseits der Logik, sondern noch gar nicht bis zur Logik gelangt. Sie glauben, sie seien es, sie sehen sich als Besteiger des Berges der Wahrheit, aber mir scheint, sie sind nur gestolpert und erleben das atemberaubende Gefühl des freien Falls als Glückseligkeit. So gern sähen sie ihren Kollisionskurs als Paradigma der kommenden Welt-Transformation anerkannt, und alle, die ihrer Bruchlandung so fasziniert entgegensehen, wie man eine Massenkarambolage auf der Autobahn begafft, tun ihnen so leid, und sie nicken traurig, wenn wir die Teilnahme an ihrem Abenteuer dankend ablehnen. Wahre, unermeßliche Glückseligkeit ist nur aufwärts zu finden. (Ende des Buchzitats) Anmerkung: Im Vorwort zu Collected Works 3 geht Wilber erneut auf die Prä/trans-Verwechslung ein. Sehr zu empfehlen, siehe Links. Eine ausführliche Beschreibung der Prä/trans-Verwechslung findet sich im Kapitel "Die trügerische Verwechslung von 'Prä' und 'Trans'" in Wilber (1988), Die drei Augen der Erkenntnis, S. 119-172. Zur Weiterführung siehe auch das Kapitel 6, "Der wiedergewonnene Gott. Die Retroromantiker und ihre verhängnisvollen Fehler" in Wilber (1999), Das Wahre, Schöne, Gute, S. 211-244. |