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Problematische Gruppen

Eigener Artikel
Rationalität

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Problematische Gruppen -
ein abstrakter Abriß


Zitat aus dem Kapitel "Das Spektrum des Bewußtseins
und Wege der Schulung des Geistes" (Ken Wilber)

in Meister, Gurus, Menschenfänger,
hrsg. von K. Wilber, B. Ecker & D. Anthony
Fischer Taschenbuch Verlag 1998
© Dick Anthony 1987


Wie ich bereits erwähnte, ist es leichter zu sagen, was eine "schlechte" Gruppe ausmacht, als die Merkmale einer "guten" zu definieren. Nehmen wir uns deshalb die im Vorangegangenen beschriebenen Dimensionen vor - Authentizität, Legitimität und Autorität - und sehen uns ihre "schlechten" Manifestationen an, so erhalten wir dadurch eine vorläufige Liste problematischer Faktoren, die, je stärker sie sich bei einer bestimmten Gruppe häufen, mit zunehmender Wahrscheinlichkeit anzeigen, daß die Gruppe problematisch ist oder dies werden könnte. Die aufgeführten Faktoren sind natürlich nicht die einzigen, die dabei eine Rolle spielen, sondern es sind lediglich diejenigen, die in direkter Relation zu entwicklungsspezifischen, funktionellen und autoritätsbezogenen Erwägungen stehen. Wir werden diese nun zunächst abstrakt formulieren und uns anschließend mit konkreten Beispielen dafür befassen.
Problematische Gruppen weisen eine oder mehrere der folgenden Eigenschaften auf:

1. Hervorhebung eines prärationalen Bereiches: Dies ist meiner Meinung nach unter allen problematischen Faktoren der signifikanteste. Glücklicherweise lässt er sich ziemlich präzise und leicht mit Hilfe von Standards feststellen, die bereits von den meisten Entwicklungspsychologen akzeptiert werden: Der prärationale Bereich umfasst die Ebenen unterhalb der rationalen Ebene, also unterhalb von Piagets formal-operationalem Denken, Kohlbergs post-konventioneller Moral, Loevingers Stufe der Gewissenhaftigkeit und Maslows Selbstachtung. Hinsichtlich des Grades der "Unterschreitung" jener Ebene gibt es natürlich graduelle Unterschiede (je nachdem, ob es sich um die archaische, die magische und oder mythische Stufe handelt), und es ist wichtig, diese Stufe exakt festzustellen; doch meine ich, dass nun klar sein müßte, worum es im wesentlichen geht.
Während die prärationalen Ebenen für die Entwicklung des Säuglings und des Kleinkindes (also phasenspezifisch) notwendig und angemessen sind, sind sie in der Adoleszenz und für Erwachsene in zunehmendem Maße problematisch. Denn wenn ansonsten reife Erwachsene sich auf diesen Ebenen engagieren, verhalten sich diese Menschen nicht ihrer Entwicklungsstufe entsprechend, sondern im Grund regressiv. Beispielsweise sind ausschließlich orale Bedürfnisse und magisches Denken für ein kleines Kind angemessen, doch bei einem älteren Kind, einem Jugendlichen oder gar bei einem Erwachsenen sind dies Anzeichen für regressive Tendenzen beziehungsweise für Fixierungen - oder sie rufen dieselben sogar hervor -, was stets problematische oder pathologische Entwicklungen zur Folge hat. Ebenso ist auch die Kognition der mythischen oder Gruppenzugehörigkeits-Stufe mit ihren ödipalen Obertönen (kosmische Elternfiguren) und ihren starken konformistischen Bedürfnissen oder ihrem Peer-Group-Druck bei älteren Kindern und Jugendlichen angemessen, doch ist ihr Fortbestehen über diese Phase hinaus ein Zeichen für Entwicklungshemmung, Fixierung oder Regression - es ist problematisch und pathologisch.
Die einfachste Möglichkeit, die ungefähre Entwicklungsstufe einer religiösen Bewegung einzuschätzen, besteht darin, ihre Beziehung zum formal-rationalen Denken festzustellen. Das bedeutet konkret:

a) Gestattet die Gruppe es ihren Mitgliedern, sich frei und auf rationale Weise mit ihren Lehren zu beschäftigen? Oder rät sie von einer kritischen Analyse der Lehren ab, beziehungsweise verhindert sie dies sogar? Gestattet sie einen Vergleich ihrer Methoden und Lehren mit denjenigen anderer spiritueller Pfade? Und tut sie dies nicht nur aus Propagandagründen, sondern im Geiste freier Untersuchung? Ermutigt sie sogar dazu?
b) Wenn die Gruppe von sich behauptet, über ein Wissen zu verfügen, das "außerhalb" oder "jenseits" des Verstandes liege, hält sie dann trotzdem den Kontakt zum Verstand aufrecht? Nach den Lehren der Entwicklungspsychologie transzendiert eine höhere Ebene die vorangehende und schließt sie gleichzeitig ein. Beispielsweise transzendiert das formal-operationale Denken (die Fähigkeit, über das Denken nachzudenken) das konkret-operationale Denken (die Fähigkeit, über die konkrete Welt nachzudenken), schließt es aber gleichzeitig in sich ein. Ebenso transzendiert eine wahrhaft transrationale Gruppe jegliche Form rationaler Untersuchung, schließt sie aber andererseits auch in sich ein. Deshalb vertreten transrationale Gruppen gewöhnlich die Ansicht, der Verstand sei notwendig, aber nicht ausreichend. Dem Verstand wird also eine wichtige Rolle zugestanden, deretwegen er geschätzt wird, doch wird er durch andere Arten der Bewusstwerdung ergänzt, die für leistungsfähiger gehalten werden (Gnosis, Prajña, Jñana). Eine prärationale Gruppe hingegen transzendiert den Verstand weder, noch schließt sie ihn ein, weshalb sie gewöhnlich behaupten wird, der Verstand sei nicht ausreichend und auch nicht notwendig - er wird also ganz einfach abgetan. Prärationalität verrät sich stets durch eine antirationale Haltung, ganz gleich, wie viel Propaganda darauf verwendet wird, diesen Umstand zu verschleiern. Und jene antirationale Haltung führt schließlich zur regressiven Katastrophe.

2. Berufung auf eine permanente Autoritätsfigur: Dies ist wohl der auffälligste unter den problematischen Faktoren und derjenige, der auch am stärksten das Interesse der Öffentlichkeit geweckt hat. Wir haben weiter oben festgestellt, dass - was immer das Wesen "schlechter" Autorität sein mag - "gute" Autorität gewöhnlich phasenspezifisch ist. Viele, vielleicht sogar die meisten neuen religiösen Bewegungen, werden von einer Autoritätsfigur geleitet: einem Meister, Roshi, Guru, Swami oder einfach einem religiösen Führer.
Die Lehren der unproblematischen Gruppen beschreiben Funktion und Status des Gurus gewöhnlich sehr genau: Der Guru verfügt über zeitweilige Autorität, die sich aus der Tatsache ergibt, dass er sich aufgrund seiner Entwicklungsstufe (oder aufgrund seiner Ausbildung) seines höheren Potentials bewusster ist. Die Autorität des Gurus endet, sobald der Schüler zu einem ähnlichen Maß an Verständnis erwacht ist. Die Autorität des Gurus ist also nicht von seiner Person abhängig, sondern von dem im Schüler schlummernden Erleuchtungspotential; dies entspricht exakt der Rolle des Lehrers im normalen Schulsystem. Deshalb hat der Guru seine Funktion erfüllt, sobald das höhere Potential im Schüler selbst aufgeweckt oder aktiviert worden ist. Sobald beispielsweise im Zen ein Schüler ein größeres Satori (Einsicht in die kausale Ebene) erreicht hat, verwandelt sich die Beziehung zwischen Roshi und Schüler von einer Meister-Schüler-Beziehung zu einer Beziehung wie unter Geschwistern - und dies wird in dieser Tradition auch ausdrücklich so beschrieben. Der Guru verfügt also in jedem Fall nur über phasengebundene Autorität.
Problematischen Gruppen hingegen steht gewöhnlich eine permanente Autoritätsfigur vor, deren Autorität keineswegs phasengebunden ist. Ziel einer solchen Autoritätsfigur ist es nicht, sich letztendlich überflüssig zu machen, sondern sich als dauerhafter Inhaber aller Macht zu etablieren. Alle theoretischen Ansätze "schlechter" Autorität rücken hier ins Bild, sowohl hinsichtlich des "Herrn" als auch hinsichtlich des "Knechts" oder "Sklaven". Der "Herr" oder "Meister" braucht es ebenso zu dominieren, wie der "Knecht" oder "Sklave" es braucht, beherrscht zu werden - dies ist die unsichtbare Kette, die den Unterdrückten an seinen Unterdrücker bindet.
Das Paradebeispiel der positiven oder phasenabhängigen Autorität ist der Arzt (oder Lehrer), das der permanenten oder problematischen Autorität der Prediger. Ersterer misst seinen Erfolg daran, wie schnell er sich selbst überflüssig macht - also daran, wie schnell sein Klient sich wieder von ihm unabhängig macht. Letzter definiert seinen Erfolg aufgrund dessen, wie lange er seine Anhänger an sich zu binden vermag.

3. Legitimierung durch einen einzelnen Garanten und Urheber: Damit kommen wir nun zur Legitimität, die sich, wie wir bereits festgestellt haben, nicht so leicht auf eine allgemein anerkannte Weise bestimmen lässt. Deshalb möchte ich mich auf einen Faktor unter vielen beschränken: nicht auf das Wesen, die Art oder das Ausmaß der Legitimität, sondern auf deren Ursprung. Denn dies steht in direkter Beziehung zu unserer Diskussion sowohl über Autorität als auch über die Zivilreligion. Ich bin der Meinung, dass die Zivilreligion ihren Anhängern implizit eine Legitimierung anzubieten hatte, die sich auf eine ganze Gesellschaft stützte. Als diese Legitimierung sich auflöste, wurden die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft dazu gezwungen, sich anderswo nach Bestätigung ihrer Existenzberechtigung umzuschauen, und jene Suche nach einer neuen Legitimierung spielte eine wichtige Rolle beim gesellschaftlichen Aufstieg der neuen religiösen Bewegungen. Nun müssen diese neuen religiösen Bewegungen - einmal ganz abgesehen davon, welche Authentizität sie zu bieten haben oder nicht - dem Suchenden auf irgendeine Weise eine Form der Legitimierung anbieten. Da diese Legitimierung von der Gesamtgesellschaft heute nicht mehr geboten wird, erhebt sich die Frage, ob die neue Legitimierung von einer Tradition oder von einem einzelnen angeboten wird.
Wird Legitimierung von einer Tradition angeboten - beispielsweise vom Hinduismus, vom Buddhismus, vom Sufismus oder von der christlichen Mystik -, so ist sie gewöhnlich weniger problematisch, als wenn sie von einem einzelnen Menschen (einer Führerpersönlichkeit) angeboten wird. Das ist einfach deshalb so, weil eine Tradition in geringerem Maße der Gefahr ausgesetzt ist, von einer dauerhaften, isolierten und alleinigen Autoritätsfigur beherrscht und verzerrt zu werden. Beispielsweise ist es für einen Roshi des Zen-Buddhismus wesentlich schwieriger, sich selbst zur permanenten Autorität und zum alleinigen Gebieter über die Legitimität einzelner Anhänger seiner Tradition hochzustilisieren, weil hinter ihm eine 2500jährige Lehrtradition steht, die korrigierend auf ihn einwirkt. Eine intakte Übermittlungslinie oder eine ungebrochene Tradition ist also eine der besten Versicherungen gegen betrügerischen Umgang mit Legitimität.
Ist hingegen jemand der einzig legitime und legitimierende Führer einer Gruppe, ohne durch eine solche historische Instanz (eine Tradition) korrigiert zu werden, so unterliegt die Bestätigung der Legitimität jedes einzelnen Mitglieds dieser Gruppe einzig und allein dem Gutdünken jener einen Person. Es wird übrigens nur selten darauf hingewiesen, dass dies nicht nur die "Knechte" unter beträchtlichen Druck setzt, sondern auch den "Herrn" selbst. Auch die Situation der Führerpersönlichkeit selbst kann sich unter diesem Streß zum Negativen hin verändern, und die Konsequenzen dieser Entwicklung können sich in der einen oder anderen Form auf die Schüler auswirken.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Gruppen, die von Autoritätsfiguren mit alleiniger Kontrolle über die Legitimität geleitet werden, schon alleine deshalb in jedem Fall problematisch sind. Schließlich müssen wir auch neuen und kreativen Lehren und Lehrern eine Chance geben. Wer hat den Buddha zur Erleuchtung geleitet? Wer hat Freud analysiert? Neue Wahrheiten und damit auch neue, bisher in dieser Form nicht bekannte Autoritäten tauchen ständig und überall auf. Doch sind solche wahren Helden meiner Einschätzung nach wesentlich seltener als die Zahl neuer religiöser Autoritäten, die diesen Status für sich in Anspruch nehmen. Deshalb muß der Tatbestand, dass die alleinige Verfügungsgewalt über Legitimität bei einem einzigen, dauerhaften Führer liegt, als höchstwahrscheinlich problematisch angesehen werden. Dieser Faktor scheint von entscheidender Bedeutung zu sein, denn wenn alle Legitimität von einer einzigen Person ausgeht und wenn diese Person in psychodynamischer Hinsicht problematisch ist, so sind die Resultate einer solchen Konstellation gewöhnlich sowohl prärational als auch nicht-phasenspezifisch. Eine ganze Kette von problematischen und pathologischen Faktoren verbindet sich dann miteinander und führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Desaster.

(Hervorhebungen vom Autor)


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