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Rationalität: Endpunkt der menschlichen Entwicklung?


Bernd Meyer 2003/2004


Befinden wir uns in Aufwärts- oder Abwärtsentwicklung?

Die Welt und jedes Individuum ist ständig in Veränderung. Die Frage, wohin die Entwicklung geht, findet dabei unterschiedliche Antworten.

Für weite Teile der modernen Wissenschaft ist die Rationalität die höchste Entwicklungsstufe der Menschheit, für andere bedeutet sie die maximale Entfremdung.

Es ist allgemein wissenschaftlich anerkannt, dass die Evolution von der Materie zu Pflanzen, Tieren und Menschen fortschreitet, also ein Prozess vom Niederen zum Höheren stattfindet. Die Menschheit durchlief danach Entwicklungsstufen von archaischen zu magisch, dann mythisch und schließlich rational geprägten Kulturen, und diese Abfolge wiederholt sich jeweils in der Entwicklung des einzelnen Menschen.

Die Naturwissenschaft sagt also, wir sind jetzt auf der höchsten Entwicklungsstufe angekommen.

Religiöse Sichtweisen betonen eher, dass der Mensch aus der Einheit in die Sünde bzw. in die Welt des Leidens gefallen ist. Die vorrangige Aufgabe ist es, diese Verbindung (re-ligio) wieder zu erlangen. Manchmal entsteht daraus das Missverständnis, wir müssten wieder zu früheren Zeiten zurückkehren, z.B. in ein Paradies der Vergangenheit.

Da jedoch die Evolution nur selten zur Stagnation und nie zur Umkehr neigt, ist zu erwarten (bzw. zu hoffen), daß wir uns über das bisher Erreichte hinaus weiterentwickeln werden.


Ebenen des Bewusstseins

Die individuelle und soziale Entwicklung der Menschen führt von egozentrischem Bewusstsein zu einer immer umfassenderen Perspektive und damit der Fähigkeit zu gegenseitiger Fürsorge und Mitgefühl. Der Kreis derer, denen das Mitgefühl und Wohlwollen gilt, erweitert sich und umfasst schließlich potentiell alle Menschen und alle Lebewesen.

Wilber zeigt in der "großen Kette des Seins" Stufen persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung auf, die als Anhaltspunkt dienen können. Dabei lassen sich westliche und östliche Erkenntnisse verknüpfen.

Die moderne Entwicklungspsychologie hat die Stufen vom archaischen über das magisch-emotionale und mythische (Konformität) bis zum rationalen Bewußtsein eingehend erforscht.
Das soziale Weltbild ist anfangs egozentrisch, auf der mythischen Stufe umfasst es Mitglieder der eigenen Gesellschaft oder Nation (soziozentrisch), auf der rationalen und postmodernen Stufe entsteht globales Bewußtsein (vgl. auch die Erkenntnisse von Jean Gebser und Jürgen Habermas).
Weitere Stufen der Bewußtseinsentwicklung sind weniger bekannt, aber durchaus möglich. Sie finden sich bereits bei Maslow, weiter bei Hegel und darüber hinaus in spirituellen Schriften der ganzen Welt, z.B. Meister Eckhart, Aurobindo, Ramana Maharshi.

Diese Bereiche lassen sich grob in drei Strukturen unterteilen: Vor der Rationalität liegen die prärationalen Stufen, weitere Entwicklung führt in die transrationalen Bereiche. Die Rationalität ist die Trennlinie zwischen prä- und transrationalen Stufen. Sie ist das Ergebnis der vorhergehenden Entwicklung und Voraussetzung für (dauerhafte) weitere Entwicklung in höhere Bereiche.


Grenzen des Rationalismus

Das rationale Weltbild brachte das freie Individuum hervor, das sich aus den Strukturen des konformistischen (mythischen, soziozentrischen) Denkens zum Weltbürger entwickelte und damit seine Perspektive erweiterte. Dieses Weltbild ist jedoch einseitig, wenn es sich auf den materiellen Aspekt des Lebens beschränkt. So krankt die Moderne trotz ihrer wichtigen Errungenschaften an Sinnverlust. Um diesen auszugleichen, gibt es ca. vier Möglichkeiten:
  1. Rückkehr zu prämodernen Lebensformen.
  2. Integration prämodernen Wissens in das moderne Leben.
  3. Einbeziehung innerer Werte auf der rationalen Ebene (Sinn, Ethik, Hermeneutik). Dies ist der einfachste, naheliegendste und gleichzeitig am dringendsten notwendige Schritt.
  4. Integration auf einer höheren Ebene
Wilber empfiehlt 2., 3. und 4., siehe dazu die unten angegebene Literatur.

 


Gesunde Wurzeln


Auf jeder Entwicklungsstufe können wichtige Schritte versäumt werden. Im Idealfall wird bei jedem Entwicklungsschritt die vorhergehende Stufe transzendiert und integriert. Ein Kind löst sich z.B. in einem bestimmten Alter von der völligen Identifizierung mit den Gefühlen und integriert diese (im Idealfall) gleichzeitig als wichtigen Teil seiner selbst. Werden die Gefühle verdrängt, ohne in der weiteren Entwicklung integriert zu werden, ist der Entwicklungsschritt unvollständig.

In einer Psychotherapie können dann später in einer "Regression im Dienste des Ich" verdrängte Gefühle bearbeitet werden
.

In Kommunikationstrainings kann die Integration der Gefühle dazu dienen, sich und andere Menschen besser zu verstehen. Manchmal wird dabei ebenfalls der Weg über körpertherapeutische Methoden gegangen.

Auch der Zugang zu spirituellen Bewußtseinsebenen ist leichter, wenn Gefühle und Körper besser integriert sind, denn ein gesundes und vollständiges Ich ist die beste Voraussetzung für eine Weiterentwicklung (vgl. die 'Spirale der Heilung' in Integrale Psychologie, S. 113f).

Manchmal wird jedoch der Fehlschluss gezogen, dass der Zugang zu Spiritualität nur durch eine Umkehrung der Entwicklung möglich sei. Hier haben wir es mit der Prä/trans-Verwechslung zu tun, der Gleichsetzung von präpersonalen und transpersonalen Bewußtseinsebenen.


Die Prä/Trans-Verwechslung

Die Entwicklung über die rationale Bewusstseinsebene hinaus und die Regression auf frühere (prärationale) Entwicklungsstufen werden in der Diskussion um Spiritualität bisweilen verwechselt oder gleichgesetzt.

So interpretierte Freud die Erfahrung höherer Ebenen ausnahmslos als Regression und stufte sie als neurotisch, narzisstisch oder sogar psychotisch ein. Dieser Reduktionismus war bis in jüngste Zeit Grundlage der Diagnostik (vgl. Artikel im Journal of Humanistic Psychology).

Jung dagegen erforschte die transpersonalen Dimensionen, siedelte sie jedoch ebenfalls überwiegend im prärationalen Bereich an, der dadurch erstrebenswert erschien, und so ist die Auffassung in der spirituellen Szene weit verbreitet, wir müßten uns (zeitlich) rückwärts orientieren. Wilber nennt diese Auffassung 'retro-romantisch'.

Das große Verdienst von Freud ist natürlich, dass er die frühen Entwicklungsstufen und die therapeutische Behandlung von entsprechenden Defiziten eingehend erforscht hat, und das große Verdienst von Jung ist, dass er die transrationalen Ebenen untersucht hat. Beide haben also in ihrem jeweiligen Bereich bedeutsame Erkenntnisse in die Psychologie eingebracht, jedoch unterschieden beide nicht zwischen prä und trans. Deshalb muss bei beiden sorgfältig ausgewählt werden, welche Aspekte und Ergebnisse ihrer Arbeit zu übernehmen sind und welche nicht.


Literatur

Wilber, Ken:
Integrale Psychologie (2001)
Ganzheitlich handeln (2001)
Eros, Kosmos, Logos (1996)
Halbzeit der Evolution (1996)


Die Prä/trans-Verwechslung ist ausführlich im Kapitel "Die trügerische Verwechslung von Prä und Trans" in Die drei Augen der Erkenntnis (1988) beschrieben. In der Einleitung zu Collected Works Bd. 3 geht Wilber u.a. auf Kritik an der Prä/trans-Verwechslung ein, siehe Links.


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